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SEBASTIAN23 BUCH OHNE BÄUME
Seit Jahren ist Sebastian 23 auf deutschen Slam-Bühnen unterwegs. Er hat seine eigene CD in Sprechstation Verlag und ist Mitglied der ersten Poetry Slam-Boyband SMAAT. Mit „Buch ohne Bäume“ präsentiert er jetzt auf Digital Kunstrasen einen Querschnitt seines kabarettistischen und sozialkritischen Schaffens.
TEXTE 01. Wie die Sterne an den Himmel kommen 02. Hinauf 03. A.B. 04. Manchmal 05. Der Andere 06. War of the Fishes 07. Teuer! 08. Der Mann auf dem Mond 09. Der Mythos von Chaos und Ordnung 10. Die Zaubershow 11. Siegel 12. Eine Stadt namens Diahö 13. Prank und Lutzusch 14. Muhsiker 15. Rezept für ein leckeres Unwohlsein mit pikanten Scheißgefühlen LESEPROBE Zögernd tastete sich meine Hand zum Spiegel vor. Meine Augen blickten mir kühl und gelassen entgegen, doch die sonnenfinsternisschwarzen Augenränder gingen fließend über in mondkratertiefe Faltenfurchen. Zu deutlich war in meinen Zügen der Kampf zu erkennen, der in meinem Inneren tobte. Es war der Kampf gegen den härtesten Gegner, den man sich vorstellen kann. Mich. Es hatte alles erst einige Stunden vorher begonnen. Es war an einem farbenschwangeren Herbstnachmittag, als ich von Dorothee Applesmith angerufen wurde. Der Anlass war nicht wirklich bedeutend, sie wollte mir lediglich die Telefonnummer ihres Schweizer Nummernkontos durchgeben. Aus diesem Grund suchte ich nach einem Kugelschreiber. Als ich keinen finden konnte, musste ich die Nummer mit meinem Blut auf Raufasertapete festhalten, damit sie mir nicht entfiel. Danach ließ ich den Hörer auf das Telefon und mich aufs Sofa stürzen. Meinen Blick konnte ich jedoch nicht von der Wand wenden, von der mein eigen Fleisch und Blut mir frech entgegenlachte. Und langsam schlängelte mir ins Bewusstsein, was der Grund dafür war, dass ich nie einen Kugelschreiber fand, wenn ich einen brauchte. Es ist nämlich tatsächlich so, dass ich mir ganz sicher war, bereits Dutzende von Stiften in meine Wohnung gebracht zu haben. Dutzende. Und nicht einen davon habe ich wieder herausgebracht. Und gewiss hat auch keiner meiner Freunde, weder Nick Cherrytailor, noch Dorothee Applesmith und gewiss auch nicht Bruce Lemondemon je einen Kugelschreiber aus meiner Wohnung geklaut. Also musste es etwas anderes sein. Und da fiel es mir wie Schuppen von der Kopfhaut: Es war mein eigenes Unterbewusstsein, dass mich verarschen wollte! Und langsam wurde es mir klar wie Klarer, wir alle werden von unserem Unterbewusstsein ständig gefoppt! Die Dinger finden es lustig, unsere Kugelschreiber vor uns zu verstecken, uns sie suchen zu lassen und gleichzeitig sicherzustellen, dass wir sie nie finden. Dasselbe gilt natürlich für Feuerzeuge und die Namen von Bekannten, die uns grade begrüßen: „Hallo, Sebastian!“ „Hallo, äh, äh, äh…“ Verdammt, warum habe ich eigentlich zu kiffen aufgehört, wenn ich trotzdem vergesslich bleibe, hatte ich immer gedacht. Jetzt wusste ich, es war mein Arschunterbewusstsein, das sich über mich totlachte und es lacht über euch alle. Glaubt mir, das erklärte so einiges. Die Angst vor winzigen Spinnen, während ich riesigen Hunden gelassen entgegentrete: Arschunterbewusstsein. Das Gefühl, ich könnte noch einen Doppelten mehr vertragen: Arschunterbewusstsein. Deine Telefonnummer: Arschunterbewusstsein. Dorothees Kontonummer: Raufasertapetenblut. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich hatte mein Problem erkannt, aber das machte es nicht besser. Wie sollte ich gegen mein Unterbewusstsein vorgehen. Ich erhob mich verwirrt vom Sofa und verließ meine Wohnung. Draußen war es mittlerweile dunkel und kühl geworden, in mir kochten jedoch die Gedanken über. Ein haariger Mann mit einer Zigarette im Mundwinkel trat mir entgegen. „Haste mal Feuer?“ fragte er ausdruckslos. Ich verstand. „Auch Arschunterbewusstsein, nicht wahr?“ fragte ich ihn mit der Begeisterung dessen, der mitten in der tiefsten Krise glaubt, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Er dachte offensichtlich anders und verschwand im Zwielicht. Vielleicht war er von seinem Unterbewusstsein gesteuert. Ich irrte umher. Die Lichter der Stadt blendeten mich, der nachtschwarze Himmel schluckte meine Blicke. Und irgendwie landete ich schließlich vor dem kleinen rosa Haus von Dorothee Applesmith. Ohne lange zu denken, klingelte ich und hoffte dabei fast, sie sei nicht zu Hause. Und als sie dann die Tür öffnete und ich ihr meine Geschichte erzählen wollte, da bemerkte ich, dass es nur mein Unterbewusstsein gewesen sein konnte, dass mich hierher geführt hatte. Es wollte sich darüber lustig machen, dass Dorothee mir nicht glauben würde, wenn ich ihr alles erzählte und ich darüber völlig verzweifeln würde. Also hielt ich mich geschlossen und erfand als Grund für meinen spontanen Besuch, ich müsse mal dringend auf ihre Toilette, da meine explodiert sei. Und bevor sie lange nachfragen konnte, hatte ich schon die Badezimmertür hinter mir abgeschlossen. Zögernd tastete sich meine Hand zum Spiegel vor. Meine Augen blickten mir kühl und gelassen entgegen, doch die sonnenfinsternisschwarzen Augenränder gingen fließend über in mondkratertiefe Faltenfurchen. Zu deutlich war in meinen Zügen der Kampf zu erkennen, der in meinem Inneren tobte. Ich berührte den Spiegel mit den Fingerspitzen und da floss die Erkenntnis wie ein Stromschlag meine Hand, meinen Arm, meine Schultern, meinen Hals hinauf bis in mein Gehirn. Ich, und mit mir alle anderen Menschen haben gegen unser Unterbewusstsein nur eine Chance. Wenn wir mitlachen über alles, was uns passiert, wird es ihm vielleicht irgendwann langweilig. |
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RELEASE-DATUM: 31/05/2007 KATALOG-NR.: DKL005 STILRICHTUNG: POETRY SLAM LYRIC HOMEPAGE: SEBASTIAN23 BEI MYSPACE |